Es ist einer dieser milden Spätsommerabende, an denen das Licht über dem Meer flirrt, als wollte es noch ein letztes Mal den Sommer festhalten. Wir sind heute im kleinen Ort Urla, etwa eine halbe Stunde westlich von Izmir.
Zwischen Weinbergen, Feigenbäumen und silbrig glänzenden Olivenhainen findet hier ein besonderes Event statt: “Bir Sofrada” – „An einem Tisch“.
Einmal im Monat treffen sich hier Köchinnen, Bauern, Künstler und Nachbarn, um gemeinsam zu kochen. Jeder bringt etwas mit: Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten, manchmal auch einfach nur Geschichten. Die lange Tafel steht mitten im Olivenhain, geschmückt mit alten Leinentüchern, Tonkrügen und Kerzen.
Wir lernen Ayse, 67, kennen. Eine ehemalige Lehrerin, die seit ihrer Pensionierung Brot im Lehmofen backt. „Weißt du“, sagt sie und lacht, während sie den Teig knetet, „früher habe ich Wissen geteilt. Heute teile ich Brot. Beides macht Spaß, nur auf unterschiedliche Weise.“
Neben ihr steht Efe, ein junger Koch aus Izmir, der in einer Kochschule in Karşıyaka arbeitet. Er erklärt mir, dass sie hier alte Rezepte wiederbeleben. Gerichte, die fast vergessen waren. Heute serviert er "zeytinyağlı enginar" – Artischocken mit Olivenöl, Dill und Zitronenschale.
An diesem wunderschönen Tag erzählen die Menschen Geschichten: von der letzten Olivenernte, von alten Liedern aus der Folklore, von Großmüttern, die Oliven mit Thymian einlegten. Und irgendwo in der Ferne singt jemand mit einer saz (Langhalslaute) leise Volkslieder.
Was wir an diesem Abend verstanden haben:
Essen ist hier kein Luxus, sondern eine Sprache. Eine, die verbindet, heilt und Geschichten trägt. Vielleicht ist genau das die Seele der Ägäis und der Grund, warum Menschen aus aller Welt immer wieder nach Izmir zurückkehren.